Herr Jochen Wilde, mit welchem Blick schauen Sie als Dekan des evangelisch-lutherischen Dekanatsbezirks Passau in diesen Tagen auf die katholische Schwesterkirche?

Mein erster Gedanke gilt den Opfern dieser furchtbaren Missbrauchsfälle, das steht über allem. Was diesen Menschen angetan wurde, ist in keiner Weise entschuldbar. Es ist gut, dass sich die katholische Schwesterkirche jetzt mit aller Entschiedenheit diesem Thema stellt, die Verantwortlichkeiten in den Blick nimmt und gegebenenfalls einer strafrechtlichen Verfolgung zuführt. Mein zweiter Gedanke gilt den Mitgliedern unserer Schwesterkirche, die in diesen Tagen an ihrem Glauben zweifeln, mit ihrer Kirche hadern und fassungslos davorstehen, was da nicht nur nicht verhindert, sondern jahrelang noch vertuscht worden ist.  

Mein dritter Gedanke gilt den kirchlichen Strukturen, denn auch die evangelische Kirche ist nicht frei von sexualisierter Gewalt. Wir müssen dahingehend unsere eigenen kirchlichen Strukturen durchleuchten, sensibel dafür werden, wo sind Abhängigkeitsverhältnisse, wo sind die Strukturen so, dass Menschen ohnmächtig, bedrängt, belästigt oder gar missbraucht werden.

Dekan Wilde im Evangelischen Gemeindezentrum St.Matthäus

Sind Ihnen ähnliche Fälle auch in der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern bekannt?

Nach jetzigem Stand gibt es 166 bekannte Fälle von sexualisierter Gewalt. Diese reichen zurück bis zu den teilweise unsäglichen Heimsituationen der 1950er Jahre. Die betroffenen Opfer sind zu knapp über der Hälfte unter 14 Jahren, das ist Kindesmissbrauch. Vermutlich ist die Dunkelziffer noch um einiges höher. Aber es gilt: Jeder Einzelfall ist ein ernst zu nehmender Fall und einer zu viel.

Die evangelische Kirche geht in einem klar geregelten Verfahren Verdachtsfällen nach, wobei die anfängliche Unschuldsvermutung nicht übergangen werden darf, aber es wird jede Form von Verdacht ernst genommen. Sobald sich ein Verdacht erhärtet oder bestätigt, werden die Strafbehörden eingeschaltet. Es gibt für Täter und vereinzelte Täterinnen, die es ja auch gibt, keine Toleranz.

Seit 20 Jahren gibt es in der Landeskirche die Ansprechstelle für sexualisierte Gewalt für betroffene Menschen und eine Meldestelle für einen sachgerechten Umgang mit Verdachtsfällen und Vorkommnissen sexualisierter Gewalt.

Gab es auch im Dekanatsbezirk Passau Fälle von sexualisierter Gewalt?

Im Augenblick weiß ich Gott sei Dank von keinem Fall, weder im Dekanat noch im Bereich der Diakonie. Von einem Fall, der längere Zeit zurückliegt, habe ich allerdings Kenntnis.

Die im April tagende Dekanatssynode wird das Thema sexualisierte Gewalt aufnehmen. Rund 50 Vertreter der evangelischen Kirchengemeinden aus dem gesamten Dekanatsbezirk werden daran teilnehmen. Warum beschäftigen Sie sich jetzt mit diesem Thema?

Ein formaler Grund ist, dass wir auf Grund des sogenannten Präventionsgesetzes der Landeskirche uns selbst verpflichtet haben, uns des Themas anzunehmen. Und zwar nicht nur mit Blick auf die Vergangenheit, um diese furchtbaren Fälle aufzuarbeiten, sondern auch um diese zu verhindern. Im Kirchenvorstand von Passau St. Matthäus zum Beispiel ist eine große Bereitschaft vorhanden, das Thema zu behandeln.

Seit gut 10 Jahren beschäftigt sich die evangelische Jugend mit sexualisierter Gewalt, um Mitarbeiter zu sensibilisieren, aber auch um Kinder und Jugendliche stark dafür zu machen, sich gegen übergriffiges Verhalten zu wehren. Auch in der vergangenen Pfarrkonferenz haben wir uns intensiv mit dem Thema beschäftigt. Dazu hatten wir einen Referenten der Fachstelle der evangelischen Kirche in Bayern für den Umgang mit Sexualisierter Gewalt zu Gast. Mir geht es darum, unsere hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Dekanat zu sensibilisieren und Schwachstellen in unseren kirchlichen Strukturen aufzuspüren, die das Risiko sexualisierter Gewalt erhöhen. Wir wollen proaktiv sein und Übergriffe verhindern. In einem weiteren Schritt möchte ich das Thema über die Dekanatssynode noch stärker in die Kirchengemeinden und die Einrichtungen tragen. Außerdem ist eine Schulung für alle Mitarbeitenden geplant, wie Verantwortliche mit diesem Thema in einer guten Weise umgehen können, um Risikofaktoren zu erkennen, um Schutzkonzepte zu entwickeln, damit jede Form von

Missbrauch möglichst verhindert und ein angstfreies, ein offenes Miteinander möglich wird.

Sexualisierte Gewalt ist mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar.

Wir verbinden mit dem christlichen Menschenbild eine freie Form des Miteinanders, auch eine selbstbestimmte Sexualität gehört dazu. Letztlich steht die Glaubwürdigkeit von Kirche und die Menschenfreundlichkeit unseres Glaubens auf dem Spiel.

Was motiviert Sie persönlich, das Thema sexualisierte Gewalt anzugehen?

Zum einen möchte ich, dass Menschen die uns als Kirche Vertrauen entgegenbringen, dass die wissen, wir nehmen dieses Vertrauen als Verantwortliche der Kirche ernst. Wenn Eltern ihre Kinder oder ihre Jugendlichen in den Kindergottesdienst oder in den Konfirmandenunterricht bringen, dass die ein Gefühl der Sicherheit haben, dass hier in angstfreier Weise Kinder und Jugendliche gut aufgehoben sind. Zum anderen gebietet mir das unser christlicher Glaube.

Das Gespräch führte Hubert Mauch.


Zusatzinformationen:

  • Betroffene von sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche und der Diakonie können sich an die 'Zentrale Anlaufstelle.help' wenden:  https://www.anlaufstelle.help/, Telefon 0800 5040112  oder per E-Mail an die Ansprechstelle der bayerischen Landeskirche Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein..

  • Zeugen und Angehörige von Betroffenen können für Beratung und Hilfe mit verschiedenen Meldestellen Kontakt aufnehmen:

    Für Einrichtungen der Diakonie Bayern
    Meldestelle DWB
    Viola Gellings
    Pirckheimerstr. 6
    90408 Nürnberg
    Tel: 0911 9354-442
    Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

    Für Kirchengemeinden, kirchliche Einrichtungen und Evangelische Kindertagesstätten
    Meldestelle ELKB
    Eva-Maria Mensching
    Karlstr. 18
    80333 München
    Tel: 089 5595-342
    Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.

    Für Evangelische Schulen und Internate
    Meldestelle der Evangelischen Schulstiftung in Bayern
    Rita Freund-Schindler
    Gleißbühlstr. 7
    90402 Nürnberg
    Tel: 0911 244 11 13
    Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.
  • 'Sexualisierte Gewalt umfasst sowohl die Ausnutzung von Macht und Abhängigkeit zur Befriedigung sexueller Bedürfnisse, als auch die Instrumentalisierung von Sexualität, um Macht und Gewalt auszuüben und zu demonstrieren. Sie kann verbal, nonverbal, psychisch oder physisch erfolgen.' (aus dem Rahmenschutzkonzept für die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern und das Diakonische Werk Bayern zur Prävention von und zum Umgang mit sexueller Gewalt)

  • 166 Fälle sind uns derzeit in der bayerischen Landeskirche bekannt.

  • Davon sind etwa 80% unter 18-jährige Betroffene: 28% 14-17-Jährige und 51% unter 14-Jährige. Die Fälle reichen zum Teil bis in die 1950er Jahre im Heimkontext und bis in die 1960er Jahre im Gemeindekontext zurück.

  • Sexueller Kindesmissbrauch ist ein Begriff, der im Strafrecht verwendet wird. § 176 StGB bezeichnet sexuelle Handlungen an Personen unter 14 Jahren als Kindesmissbrauch. Dazu zählen sowohl die Ausführung als auch die Veranlassung zur Ausführung einer sexuellen Handlung. Sexueller Kindesmissbrauch ist strafbar. (von Dr. Barbara Pühl, Leiterin der Fachstelle für den Umgang mit sexualisierter Gewalt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern)

DIESE WEBSITE
Ab dem 01.06.2022 bis auf Weiteres ausschließlich pdf-Meldungen, vorgesehen im wöchentlichen Takt. Keine weiteren Aktualisierungen.


VORSCHAU
50 Jahre Christuskirche Bad Füssing: Festgottesdienst mit dem Regionalbischof und Weinfest am 10.07.2022


DACHRENOVIERUNG IN SPIEGELAU
Eines der Bauvorhaben in unserem
Dekanat im Jahr 2022

Die winterlich beschneite Martin-Luther-Kirche in Spiegelau

JAHRESLOSUNG 2022

Jahreslosung 2022

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Evangelisch-Lutherisches Dekanat Passau, Dietrich-Bonhoeffer-Platz 1, 94032 Passau • Telefon: (0851) 931 32 14 • Telefax: (0851) 9 31 32 63 •  E-Mail an das Dekanatsbüro